Monat: Juni 2009

Der Anfang einer großen Karriere als Comedystar (Teil 2)

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Wie Ihr alle aus meinem letzten Blogbeitrag wisst war ich nicht immer so witzig und cool drauf, wie ich es heute bin. Auch ich war früher langweilig und witzlos, so wie Ihr. Nachdem sich das aber in letzter Zeit so drastisch geändert hat, habe ich hier ein Programm geschrieben, dass ich schon bald für die ganze Familie und meine Kollegen auf Parties, Familenfeiern und Betriebsfesten zum besten geben werde. Schnallt Euch an! Mario Barth – zieh dich warm an, hier kommt Ingeborg!

Achtung Scherzinfarkt!

Neulich war ich einkaufen. Das klingt an sich schon lustig, wird es aber umso mehr, wenn man weiß, dass ich dies in einem ganz normalen Supermarkt tat. So ein von Natur aus grundhumoriger Mensch wie ich kann da nämlich wahnsinnig lustige Sachen erleben. Das fing schon an, als ich den Konsumtempel betrat, denn ich hatte doch glatt vergessen, mir meine Schuhe zuzubinden und stolperte auf witzige Weise in die Gemüseabteilung.

„Oha“, dachte ich, „das fängt ja gut an.“ Natürlich standen schon einige Rentner am grünen Büffet und betatschten wie weiland Mrs. Robinson sämtliche Auslagen, um ihre Reife zu prüfen. Witzig, wie ich nun einmal bin, stellte ich mich daneben und zermatschte parodierender Weise ein paar Bananen, wofür ich ein paar spießige Wortmeldungen, Marke: „Aber sonst geht’s noch?“, erntete. Das war aber erst der Anfang. Ich ging hinüber in die Biokostabteilung, die in jedem normalen Supermarkt vorhanden ist.

Dort wartete schon ein total urig aussehender Körnerfresser in Jesuslatschen, der einer Verkäuferin erklärte, dass bei der Stellung der Regale das Chi ziemliche Schwierigkeiten hätte, halbwegs geordnet durch die wahnsinnig witzigen Einkaufsdingens zu fließen. Zu humoriger Hochform lief der gute Mann aber erst auf, als ich begann, vor seinen Augen ein paar mitgebrachte Babybananen zu zerquetschen.

„Hey“, sagte der realistische Klischeeeso, „das ist nicht nett. Bananen sind auch nur Menschen und haben ein Recht darauf, mit Respekt behandelt zu werden.“ Ich lag vor Lachen am Boden. Der Typ war der Brüller schlechthin, wenn man mal von den Kleingeld suchenden Rentnern an der Kasse absieht, die später noch ganz bestimmt kommen würden. Zunächst jedoch führte mich mein Weg kriechender Weise in die Hygieneartikelabteilung, zu Tampons, Damenbinden und anderen Lachanfallgaranten. Auch dort befanden sich Menschen, die ich gleich einmal in ein humoriges Gespräch über Kleingeld suchende Rentner an der Supermarktkasse verwickelte. Wobei es fast noch komischer und verrückter gewesen wäre, wenn ich – mal wieder – keinen Euro für den Einkaufswagen gehabt hätte.

Als ich schließlich noch ein paar zermatschte Bananen hervor zauberte war kein Halten mehr. Die Menge brüllte und zwar nach dem Fachpersonal, was sich aber natürlich nicht blicken ließ, denn jeder weiß, dass so ein Supermarkt ein Dschungel ist, in dem jeder für sich alleine kämpft, besonders urige Satireautoren wie unsereins, die aber auch dankbar dafür sind, denn sonst würden sie wie jeder normale Mensch da einfach nur einkaufen, anstatt fortwährend so unglaublich wahnsinnig witzige Abenteuer zu erleben. Als ich endlich genug Worte zusammen hatte, um die Frauenzeugs-Episode zu beenden, ging ich zur Kasse, legte ein paar Bananen und eine Sechserpack ausgelaugter Witze auf das Band und harrte der Dinge.

Vor mir stand wieder so ein Rentner, der, wie sollte es anders sein, nach Kleingeld suchte, um auch ja passend bezahlen zu können, obwohl doch jeder gesunde Mensch weiß, dass die nur nichts Besseres zu tun haben. Warum zum Geier müssen die auch immer um 10 Uhr vormittags in den Supermarkt gehen und schwer arbeitende Humorgiganten wie unsereins mit ihrer Kleingeldsucherei belästigen?

Das ist doch irgendwann nicht mehr witzig. Das dauerte bestimmt drei Stunden und zu jeder Münze konnte der Mann eine Geschichte erzählen, so wie Opa Simpson in der einen Folge, in der er an der Supermarktkasse steht, nach Kleingeld sucht und zu jeder Münze eine Geschichte erzählt. Ich überlegte, ob ich nicht das nächste Mal ein Tonbandgerät mitnehmen sollte, um das Geschwafel aufzunehmen und später ein humoriges Buch im Kishon-Stil draus zu basteln oder einen Endlosroman für die Titanic zu fabrizieren.

„Rentner, die an der Kasse nach Kleingeld suchen“ – ein toller und schlagkräftiger Titel, fand ich. So frisch und unverbraucht und doch hat schon ein jeder sich einmal über Kleingeld suchende Rentner an der Supermarktkasse aufgeregt und sich gewünscht, es möge endlich einmal jemand einen bissig-satirischen Text über Kleingeld suchende Rentner an der Supermarktkasse schreiben, denn das gab es noch nicht und witzig ist das sowieso. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Kleingeld suchende Rentner an der Supermarktkasse.

Doch wie ich noch so meinen unverbrauchten und sich niemals wiederholenden Gedanken nachhing, war der Kleingeld suchende Rentner vor mir auch schon fertig mit dem Kleingeld suchen und suchte das Weite, sehr wahrscheinlich aus Inkontinenzproblemen oder weil ich ihn ganz unbewusst mit zermatschten Bananen beworfen hatte. Das bot mir die Gelegenheit zur Kassiererin vorzurücken und einen längst überfälligen All-Inclusive-Ausländerrandgruppensexwitz zu machen, Marke: „Kommt ’nen schwuler Schlitzaugenrabbi in ’nen polnischen Puff“.

Die Frau lachte natürlich nicht, denn sie kam allen Anschein nach aus Polen und asiatisch, jüdisch und schwul war sie auch. Aber mir altem Toleranzbollwerk war das egal. Ich hatte mein Soll erfüllt und genug witzige Sachen erlebt, um einen neuen, unverbrauchten Text über total witzige Einkaufserlebnisse zu schreiben. Nur bezahlt habe ich nicht, denn einen Text über total crazy seiende Erlebnisse mit der Staatsgewalt wollte ich, innovativ wie ich nun einmal bin, auch noch schreiben.

Na, da staunt Ihr was?

Die politische Telenovela in der Deutschen Demokratischen Republik

Ausgangspunkt:

In einem Heftchen über die alten Mosaik-Comics des Ostens war zu lesen, dass in den Abrafaxe-Heften (entsprechen etwa dem westdeutschen „Fix und Foxi“) metasprachlich verschlüsselte Kritik am Regime der DDR zu finden wäre. Ich blieb ungläubig und fand nun wirklich kaum Beweise dafür – auch nach intensiver Lektüre und selbst meine
Freunde aus dem Osten, die mit Mosaik und Frösi (Fröhlich Singen und Spielen)
aufgewachsen sind, mussten mit dem Kopf schütteln. So.

Zu Beginn der 80iger Jahre stieß eine bis dato nur einem ausgewählten
studentischen Publikum bekannte Figur zum Ensemble des Mosaiks, die,
gleichwohl niemals dafür konzipiert, in den folgenden Wochen und Monaten zu
dem zeichnerischen Medium systemkritischer Überzeugungen der Redaktion um
LotharD. avancieren sollte, und gleichsam ihre Geschichte zur Mutter
aller politischen Telenovelas. Ihr Name: Knödel-Fanny.

Schon die Jahre zuvor waren geprägt von einer wachsenden Unzufriedenheit
innerhalb der Mosaik-Redaktion über die bestehenden Verhältnisse in der
Deutschen Demokratischen Republik. Insbesondere der repressive Naturschutz
des selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaates ließ nicht wenige daran
zweifeln, ob für den Sozialismus deutscher Prägung noch eine Zukunft
bestünde. Dennoch wurde die offene Konfrontation vermieden, nicht zuletzt
aus der Angst heraus, selbst zum Opfer der staatlichen Verfolgung zu werden
und wie Wolf Biermann oder Nina Hagen eine Karriere als Witzfigur im Westen
starten zu müssen.

Vielmehr entwickelten die Künstler eine vielschichtige Formen- und
Bildersprache, um quasi durch die Hintertür ihre politischen Botschaften an
den Mann zu bringen. Eindringlichstes Beispiel hier ist die zu historischer
Berühmtheit gebrachte Verwendung der Farbe „Helllichtockergelb“, eben jener politisch
brisanten Farbe, die in der ehemaligen DDR erstens unbekannt, zweitens
verboten und drittens gar nicht erhältlich war. Was sich auf dem ersten
Blick der Deutung und somit der Zensur entzog, entwickelte erst bei näherer
Betrachtung seine Wirkung, zum Beispiel auch durch die ostentative
Verwendung von atypisch runden Kreisen in den Sonderheften zu den
Weihnachtsfeiern in Helsinki 78 und Muttis Geburtstag 79.

Doch erst mit Einführung der Knödel-Fanny im Anschluss an die
Österreich-Ungarn-Serie der Abrafaxe, vielleicht auch motiviert durch den
erneuten Geburtstag von Mutti im Jahre 1980, wurde aus dem stets sanften
Winken mit dem Gartenzaun, das die politische Agitation des Mosaiks bestimmt
hatte, offene, auf Konfrontation ausgerichtete Propaganda. „Kein Blatt mehr
vorm Mund“, so hatte es die Chefredaktion auf Muttis Geburtstagsfeier
formuliert.

Und nichts war der Figur der Fanny ferner, als nur irgendwie anders als
gerade heraus das zu sagen, was sie respektive ihre Texter dachten und woran
sie glaubten. Wo immer möglich, wo immer angebracht, ob
Parteitagsbeschlüsse, ob Synthesizermusik oder Dirk Michaelis, auf einmal
redete man Klartext, sprach aus, was manch anderer nicht einmal zu denken im
Stande war. Zu sich selbst stehen, ganz sich selbst sein, sich nicht
verbiegen lassen und für das einstehen, was wahr und richtig ist, gleich,
welche persönlichen Konsequenzen das haben mochte, das waren die neuen
Ideale, die mit Fanny in die Hefte und gleichsam die Köpfe der Leser Einzug
hielten. Die Folgen sind bekannt. Unter Historikern mag es strittig sein, ob
nun der Zusammenbruch des Ostblocks tatsächlich ursächlich auf diesen
mutigen Schritt, auf diese zierliche Alpenländerin mit dem Wahlspruch „Marx
ist tot, esst doch noch einen Knödel“ zurück zu führen sei, doch eines ist
sicher: Ohne sie sähe die Welt anders aus. Unvergessen sind daher die Worte
von Papst Johannes Paul II zum zehnten Jahrestag der Befreiung von Rosi, der
sprechenden Wundersau aus russischer Kriegsgefangenschaft: „Ohne Fanny sähe
die Welt anders aus.“

Und heute? Heute führen andere ihren Kampf weiter, so wie die Laura Mahler
alias Henriette Richter Röhl im gesamtdeutschen Remake „Sturm der Liebe.“
Die politische Telenovela – ohne Fanny undenkbar.

Wie schon ihr großes historisches Vorbild ist Laura eine Frau aus dem Volk,
eine, die kochen und ihren Mund benutzen kann. Nur ist ihre Welt eine
andere, ihre Gegner haben das Gesicht verloren, scheinen unsichtbar. Die
einfache, übersichtliche Welt des feudalen Elends, in der Fanny agierte, hat
sich gewandelt zu einem globalisierten Moloch, in dem Urananreicherung, Al
Quaida und immer wieder Nina Hagen ihr Unwesen treiben. Dem etwas entgegen
zu setzen, bedarf mehr als nur der Erkenntnis der Hinfälligkeit
marxistischer Philosophie. Gut denkbar, dass Knödel-Fanny in dieser Welt, in
der Welt Laura Mahlers zum Scheitern verurteilt wäre, aber eines ist gewiss:
Sie hätte niemals aufgegeben, kohlenhydratgewordene Liebe in Knödelform
unters Volk zu verteilen!

So muss es auch als eine bewusste Hommage verstanden werden, wenn Laura in
Folge 31 zur aus verzweifelter Liebe Blindheit vortäuschenden Hotelerbin
Katharina sagt: „Guten Morgen.“ Und Katharina? Diese Mensch und Fleisch
gewordene Allegorie auf das zweite Gesetz der Thermodynamik, was weiß sie
mehr zu bringen als eine schlichte, nur zu durchschaubare, sie in all ihrer
Neoliberalität entlarvende Replik: „Auch dir einen guten Morgen.“

Wer fühlt sich da nicht erinnert an jenes denkwürdige „Guten Morgen“ Erich
Honeckers am 18. April 1984, fast genau zehn Jahre nachdem Abba den Grand
Prix de la Chanson de la Eurovision mit dem bezeichnenden Titel „Waterloo“
gewann? Sicherlich niemand, und das ist eben der große Verdienst der
früheren Mosaik-Redaktion, von Knödel-Fanny und ihren Nachfolgerinnen, mögen
sie nun Laura, Julia, Lisa oder Horstbert, Klofrau aus Leidenschaft, heißen.

So kann man die Abrafaxe vielleicht heute aus historischer Sicht mit ähnlich
systemkritischen und widerständlerischen Aufruhr-Magazinen wie den
?Schlümpfen? vergleichen, die mit schonungsloser Provokation die
kapitalistischen Zustände im Westen offenlegten und damit Generationen zum
Umdenken zwangen! Auch die polarisierende Kraft von „Bussi Bär und Bello“
zeigt, dass es sich bei diesem, als harmloses Kinderheftchen getarnten
politischen Magazin in Wahrheit vermutlich eher um ein scharf
medienkritsiches Satireblatt handelt!
Das System, und es ist immer das System, muss zwangsläufig scheitern,
solange es Figuren wie diese gibt.